Freitagsgedanken: Tawakkul – Vertrauen in Zeiten der Erschwernis

Es gibt Phasen im Leben eines jeden von uns, in denen wir uns schmerzlich unserer eigenen Begrenztheit bewusst werden. Phasen, in denen wir die Grenzen unseres eigenen Wirkens deutlich und unverrückbar vor Augen geführt bekommen.
In einer Gesellschaft, in der Wachstum, Fortschritt, Optimierung und vermeintliche Perfektion als zentrale Richtlinien gelten, verkennen wir nicht selten, dass das Leben keine mathematische Gleichung ist, deren Berechnung am Ende stets aufgeht.
Nicht immer führen unsere Bemühungen – mögen sie auch noch so aufrichtig sein – zu dem Ergebnis, welches wir uns erhoffen oder welches wir erwarten.
Diese Erkenntnis kann zuweilen schwer sein, ist man es doch gewohnt durch hohen Einsatz auch ein gutes Outcome zu erzielen.
Noch herausfordernder wird es dann, wenn wir an Punkte in unserem Leben kommen, an denen wir uns eingestehen müssen, dass die Wege, die wir eingeschlagen hatten und auf denen wir uns so sicher wähnten, nicht ans angedachte Ziel führen.
Unsere Pläne, unsere Hoffnungen, unser Krafteinsatz und unsere Anstrengung, die uns zuvor noch haben kraftvoll und zielsicher voranschreiten lassen, versickern plötzlich auf dem trockenen Feld der Verunsicherung.
Wo uns der Weg zunächst noch ganz klar erschien und die Landkarte unserer eigenen Wünsche und Planungen detailliert die Richtung wies, stehen wir plötzlich in der Dämmerung unserer eigenen Begrenztheit.
Es schmerzt zu erkennen, dass wir nicht haben oder erreichen können, wonach wir uns so sehr sehnten. Es verängstigt uns zu sehen, dass wir uns verirrt haben. Es lässt uns ratlos zurück, wenn wir den Sinn nicht verstehen.
In einer Welt, in der es scheinbar keine Grenzen gibt und alles durch Einsatz, Willensstärke und harte Arbeit erreicht werden kann, gibt es kaum noch Platz für Barrieren. Wozu auch, wenn man sich stattdessen stets nehmen kann, was einem beliebt?
Doch was geschieht, wenn wir auf die ausgefransten Kanten unseres eigenen Einflussbereiches stoßen? Was passiert, wenn wir mit der Endlichkeit unseres Handlungsspielraums konfrontiert werden? Was folgt, wenn wir die Pläne und Träume aufgeben müssen, die uns getragen haben?
Wie geht es weiter, wenn wir am unerwarteten Ende unseres durchgeplanten Weges angekommen sind? Was bleibt, wenn Angst und Kummer schwer auf unseren Schultern lasten?
Um Antworten auf diese Fragen zu finden, bedarf es womöglich eines Perspektivwechsels.
Dort, wo das betrübte Herz und der finstere Verstand nur eine Grenze erkennen, verbirgt sich möglicherweise mehr.
Denn dort, wo unsere eigenen Möglichkeiten an ihre Grenzen stoßen, eröffnet sich der Raum für Gottes Wirken.
Was wir zunächst als Ende wahrnehmen, ist womöglich vielmehr ein Anfang: der Anfang eines tiefen Vertrauens, in dem wir unser Schicksal in Gottes Hände legen – in der Gewissheit und Hoffnung, dass Er den Weg kennt, auch wenn dieser unserem Blick noch verborgen ist.
Das Konzept Tawakkul im Islam bezeichnet genau das – das vollkommene Vertrauen auf Gott, nachdem wir das uns Mögliche versucht haben.
Wir Menschen dürfen darauf vertrauen, dass Gott den Weg kennt, auch wenn wir ihn einmal aus den Augen verloren haben. Er hat einen Plan für uns und auch, wenn wir diesen nicht immer erkennen oder verstehen können, dürfen wir doch darauf hoffen, dass Gott uns mit dem Licht seiner Barmherzigkeit auch in Zeiten der Finsternis umfängt und uns leitet, wenn wir nicht weiter wissen.
Was wir also zunächst als Beschränkung gesehen haben, ist ein Angebot, kurz innezuhalten und unsere Ängste, Sorgen und Unsicherheiten Gott anzuvertrauen.
Und was uns vorerst wie eine Begrenzung erschien, ist unter dieser Prämisse vielmehr ein Raum, in dem wir wachsen und unsere Beziehung zu Gott vertiefen können.
Dies bedeutet nicht, dass wir frei von der Pflicht sind, unser Bestes zu geben und verantwortungsvoll zu handeln, wohl aber, dass wir loslassen dürfen, was nicht in unserer Macht liegt.
Stärker als die Angst vor dem Ungewissen wird so das Vertrauen auf die Barmherzigkeit und Führung Gottes.
So können wir uns Ihm im Gebet zuwenden:
Ya Ar-Razzaq,
ich bitte Dich:
Leuchte mir mit Deinem Licht wie ein Stern in der Dunkelheit.
Halte mich, wenn meine Kräfte schwinden und tröste mich, wenn mein Herz zu zerspringen droht.
Lass mich angesichts meiner eigenen Grenzen nicht blind werden für Deine Liebe, sondern öffne mein Herz für Vertrauen und Hoffnung.
Zeige mir nicht den Abgrund, sondern das Netz, das mich auffängt.
Öffne meine Augen für den Mond, wenn die Finsternis am größten ist.
Dir, oh mein Schöpfer, vertraue ich meine Kümmernisse in der Gewissheit an, dass Dein Plan mich sicher führen wird.
Dir gebe ich all mein Vertrauen in der Sicherheit, dass Du das Beste für mich erwirkst.
Dir schenke ich meine verlorenen Hoffnungen in der Überzeugung, dass Deine Barmherzigkeit stets größer ist als mein Schmerz.
Allahım, auf Dich vertraue ich, denn meine Grenzen sind nur der Beginn Deiner Unendlichkeit.
Amin.
Autor*in: Anonym.
Die Freitagsgedanken dienen v.a. dem Gedankenaustausch innerhalb des Liberal-Islamischen Bundes (LIB) e.V. Die im jeweiligen Beitrag vertretene Meinung spiegelt die Perspektive der jeweils verfassenden Person wider und nicht (zwingend) die des LIB e.V. Vom LIB e.V., vertreten durch seinen Vorstand, verabschiedete Positionen zu zentralen Themen finden sich v.a. in unseren Positionspapieren und Presseerklärungen.

