Redebeitrag auf dem interreligiösen Gottesdienst der St. Pauli Kirche Hamburg zum CSD 2026

Der interreligiöse Gottesdienst der St. Pauli Kirche Hamburg zum CSD 2026 am 2. August stand unter dem Eindruck des fürchterlichen Anschlags auf den Berliner CSD, der wenige Tage zuvor stattgefunden hatte. Er sollte Raum bieten, innezuhalten – einen Raum für Reflexion, für Hoffnung und Begegnung. Gemeinsam wurde gefragt: Was nimmt der Angst die Macht? Und wie feiern wir das Leben – vielfältig, mutig und verbunden?
Als Vertreterin des Liberal-Islamischen Bundes nahm Odette Neitzel, seine Erste Vorsitzende, mit einem Redebeitrag teil:
„Als ich gefragt wurde, was mir Angst macht, war meine erste Antwort: dass Menschen sich nicht mehr sicher fühlen dürfen, so zu leben, wie sie sind. Dass sie überlegen müssen, ob sie auf eine Pride gehen. Ob sie die Hand des Menschen halten, den sie lieben. Ob Sichtbarkeit gefährlich wird.
Nach dem Anschlag auf die Berliner Pride gilt das mehr denn je. Menschen wurden angegriffen, weil sie sichtbar waren. Weil sie den Mut hatten, sie selbst zu sein. Das macht mich traurig. Und es macht mich wütend.
Ich spreche heute zu Ihnen als Muslimin und als Vertreterin des Liberal-Islamischen Bundes. Wir stehen seit vielen Jahren an der Seite queerer Menschen – nicht trotz unseres Glaubens, sondern aus ihm heraus. Gerade deshalb wünsche ich mir, dass mehr muslimische Stimmen das ebenso klar und unmissverständlich sagen. Queerfeindlichkeit darf niemals relativiert oder beschwiegen werden. Schweigen schützt niemanden. Schweigen lässt Betroffene allein.
Und doch kenne ich noch eine andere Sorge. Ich weiß, dass nach solchen Taten viele Muslim*innen befürchten, pauschal unter Verdacht zu geraten. Diese Sorge darf aber niemals den Blick auf die Menschen verstellen, die Ziel dieses Hasses waren. Im Gegenteil: Sie erinnert uns daran, dass Ausgrenzung nie bei einer einzigen Gruppe stehen bleibt. Hass sucht sich immer neue Opfer.
Wie können wir der Angst ihre Macht nehmen?
Indem wir als Menschen füreinander einstehen – nicht erst, wenn wir selbst betroffen sind. Wenn wir den Mut haben, auch in den eigenen Reihen klar zu widersprechen. Und wenn wir aufhören zu fragen, wer angegriffen wird, sondern uns gemeinsam dagegenstellen, dass Menschen angegriffen werden.
Und enden möchte ich heute mit einer Hoffnung.
Auf eine Gesellschaft, in der niemand zwischen seiner Identität und seiner Sicherheit wählen muss.
Auf Religionsgemeinschaften, die ihre Stimme erheben, wenn Menschen entmenschlicht werden. Und ich hoffe, dass wir uns nicht gegeneinander ausspielen lassen – weder von Extremisten noch von denen, die aus ihrer Angst oder ihrem Hass politisches Kapital schlagen wollen.
Denn unsere Antwort auf Angst darf nicht noch mehr Angst sein. Unsere Antwort muss Menschlichkeit sein. Unsere Antwort muss Hoffnung sein. Und unsere Antwort muss das sein, worauf dieser Anschlag abzielte: Liebe.“
Einen Video-Bericht des Hamburg Journal zur Veranstaltung finden Sie hier.
Impressionen:




